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Infobrief REHADAT-talentplus Köln, Mai 2012
UN-Behindertenrechtskonvention und Inklusion - ein Thema für Unternehmen?
Hintergrund
In 2006 haben die Vereinten Nationen die UN-Behindertenrechtskonvention beschlossen. Das Übereinkommen ist heute in mehr als 100 Ländern ratifiziert, in Deutschland ist es seit 2009 in Kraft. Ziel der Konvention ist eine gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit und ohne Behinderung am gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben. Dies setzt Chancengleichheit in der Bildung voraus sowie eine umfassende berufliche Teilhabe und den barrierefreien Zugang zu allen gesellschaftlichen Aktivitäten.

Zur Umsetzung der Konvention haben die Bundesregierung sowie einige Bundesländer und die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung Aktionspläne erarbeitet, die in den kommenden Jahren Prozesse anstoßen und begleiten sollen, um Deutschland in eine inklusive Gesellschaft zu führen. Der erste Aktionsplan für ein Unternehmen wurde bei Boehringer Ingelheim entwickelt.

Neben den staatlichen Aktivitäten sind hier auch private Initiativen gefragt. Besonders im Handlungsfeld Arbeit und Beschäftigung spielen Unternehmen eine zentrale Rolle, denn sie stellen die Arbeitsplätze zur Verfügung, auf denen Mitarbeiter mit und ohne Behinderung erfolgreich arbeiten können.

Was ist eigentlich...

Behinderung?

Von einer Behinderung spricht man bei länger anhaltenden gesundheitlichen Einschränkungen, die die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigen. Im Kontext der UN-Konvention wird Behinderung nach dem Modell der WHO nicht mehr als Defizit einer einzelnen Person gesehen, sondern als Ergebnis einer Wechselwirkung zwischen einem Gesundheitsproblem, personenbezogenen Faktoren und Umgebungsfaktoren. Viele Umgebungsfaktoren sind gestaltbar. Behinderungsbedingte Probleme am Arbeitsplatz können durch eine Reihe von Maßnahmen ausgeglichen werden, von denen unter Umständen auch nicht behinderte Mitarbeiter profitieren.

Inklusion?
Während unter Integration die Eingliederung von Menschen mit Behinderung in bestehende Strukturen verstanden wird, steht beim Konzept der Inklusion die Anpassung der Strukturen im Vordergrund. Nicht der Mensch passt sich den Strukturen an, sondern die Rahmenbedingungen sollen so verändert werden, dass Ausgrenzungen vermieden werden und Menschen mit und ohne Behinderungen von Anfang an in allen Lebensbereichen selbstbestimmt zusammen leben. Die Inklusion ist der Leitgedanke des Nationalen Aktionsplans der Bundesregierung.

Eine umfassende Teilhabe am Arbeitsleben kommt nicht nur den einzelnen behinderten Menschen zugute. Angesichts des demografischen Wandels wird es für Unternehmen immer wichtiger, die Vielfalt der Mitarbeiter konstruktiv zu nutzen. Denn durch die längere Lebensarbeitszeit und die älter werdenden Belegschaften erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass gesundheitliche Probleme und Behinderungen bei den Beschäftigten auftreten. Gleichzeitig ist es in Zeiten des sich abzeichnenden Fachkräftemangels wichtiger denn je, die Arbeitskraft und das Erfahrungswissen von allen Mitarbeitern für den Betrieb zu erhalten.

Linktipp:

  • Weitere Infos zur UN-Konvention und den Aktionsplänen finden Sie hier

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Interview mit Olaf Guttzeit zum Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention der Boehringer Ingelheim Pharma GmbH & Co. KG

talentplus:
Boehringer Ingelheim hat als erstes Unternehmen in Deutschland einen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention verabschiedet. Wie kam es dazu?

Olaf Guttzeit:
Wir wissen aus der Auseinandersetzung mit dem Thema, aber auch aus persönlichen Erfahrungen in unserem Unternehmen, wie nah beieinander Gesundheit und Erkrankung liegen und wie schnell eine Behinderung das Leben verändern kann. Hinzu kommt, dass die Auswirkungen des demografischen Wandels sich bei uns auszuwirken beginnen: Das Durchschnittsalter der Mitarbeiter liegt bei Boehringer Ingelheim Deutschland bei 42 Jahren, Tendenz steigend. Damit steigt bei uns die Wahrscheinlichkeit, dass bei längerer Lebensarbeitszeit Mitarbeiter im Laufe ihres Beschäftigungsverhältnisses eine Krankheit, eine Behinderung oder Schwerbehinderung erwerben. Das heißt, wir können es uns schon aus betriebswirtschaftlichen Gründen schlichtweg nicht leisten, auf die Expertise und die Arbeitsleistung dieser erfahrenen Experten zu verzichten, zumal auch die Rekrutierung von Fachkräften zunehmend schwerer wird. Die Ziele der UN-Behindertenrechtskonvention werden von unserem Unternehmen stark unterstützt. Gleichberechtigte Teilhabe und der Inklusionsgedanke sind heute schon fest in der Unternehmensphilosophie verankert.

talentplus:
Wie sind Sie bei der Entwicklung des Aktionsplanes vorgegangen?

Olaf Guttzeit:
Es war uns wichtig, möglichst viele Schnittstellenbeteiligte einzubinden: Im Rahmen eines transparenten und partizipativen Arbeitsprozesses innerhalb des Unternehmens wurden sowohl die Schwerbehindertenvertrauenspersonen, die Vertreter der Standortbetriebsräte und die Arbeitgeberbeauftragten für Menschen mit Behinderung am Standort Deutschland, als auch die Geschäftsführung einbezogen.

Auch die Umsetzung des Aktionsplans wird von einem Team gesteuert, das aus Schwerbehindertenvertrauenspersonen, Vertretern der Standortbetriebsräte und den Arbeitgeberbeauftragten aller Gesellschaften von Boehringer Ingelheim besteht. Wenn es um fachspezifische Fragestellungen geht, ist es die Aufgabe der jeweiligen Abteilungen, die entsprechenden Maßnahmen umzusetzen. Zudem werden kompetente externe Partner herangezogen, wie das UnternehmensForum für die Integration von Menschen mit Behinderungen, Krankenkassen oder auch Integrationsfachdienste.

talentplus:
In welchen betrieblichen Handlungsfeldern sieht der Aktionsplan Maßnahmen vor?

Olaf Guttzeit:
Der Aktionsplan von Boehringer Ingelheim enthält Vorschläge für konkrete Maßnahmen in sieben Handlungsfeldern, die in den nächsten acht Jahren umgesetzt werden sollen. Dazu gehört der Bereich “Soziale Leistung” ebenso wie die Themen “Arbeitsplatzgestaltung und Beschäftigung”, “Ausbildung, Bildung und Qualifizierung”, “Bewusstseinsbildung und Öffentlichkeitsarbeit” sowie “Gesundheitsmanagement, Prävention und Rehabilitation”, “Mobilität und Barrierefreiheit” oder auch “Barrierefreie Kommunikation”. Die Maßnahmen kommen dabei nicht nur den Mitarbeitern mit einer Behinderung zugute. Wenn die Belange behinderter Menschen z. B. bei Baumaßnahmen selbstverständlich berücksichtigt werden, dann hat die gesamte Belegschaft etwas davon. Es gibt aber nicht nur bauliche Barrieren, die die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung im Unternehmen erschweren. Aus unserer Sicht ist es sehr wichtig, die Barrieren in den Köpfen zu beseitigen – bei allen: Vorgesetzten und Kollegen. Wir sind sicher, dass der Aktionsplan dabei hilft, diese Barrieren abzubauen.

talentplus:
Wie sehen Sie den Nutzen des Aktionsplanes für das Unternehmen?

Olaf Guttzeit:
Die unternehmensinterne Beschäftigung mit dem Thema Behinderung beinhaltet zwei Komponenten: die soziale Verantwortung für die eigenen Mitarbeiter und die rechtzeitige Vorbereitung auf älter werdende Belegschaften. Dies hat auch eine wirtschaftliche Relevanz, weil es gilt, durch behinderungsgerechte Personalplanung und Arbeitsgestaltung – die dem jeweiligen Lebensalter angemessen sein muss – Fehlzeiten, Ausfällen und Fachkräftemangel vorzubeugen.

Darüber hinaus wollen wir mit unserem Aktionsplan – im Sinne von Best Practice – auch anderen Unternehmen eine Anregung dafür geben, wie ein Aktionsplan großer Unternehmen aussieht und wie er in Zusammenarbeit mit verschiedenen Akteuren innerhalb der Belegschaft, staatlichen Stellen, und den Sozialpartnern umgesetzt werden kann. Wir wollen dazu ermutigen, das Thema demografischer Wandel ebenso wie die Tatsache, dass Behinderung jeden treffen kann, ernst zu nehmen und sich intensiv damit zu beschäftigen.

talentplus:
Was würden Sie Unternehmen raten, die auch in dem Bereich aktiv werden möchten?

Olaf Guttzeit:
Sich darüber bewusst zu werden, dass es – vermutlich – bereits bestehende Aktivitäten im Unternehmen gibt und auch entsprechendes Know-how vorhanden ist, steht am Anfang eines strategischen Engagements. Dies zu bündeln, unternehmensintern eine gemeinsame Basis zu schaffen und für weitere Entwicklungsschritte möglicherweise auch externen Austausch in Anspruch zu nehmen, ist aus unserer Erfahrung sinnvoll. Aus diesem Grund ist Boehringer Ingelheim seit vielen Jahren im UnternehmensForum aktiv, einem Zusammenschluss von Unternehmen, die sich für die Integration von Menschen mit Behinderung einsetzen. Von den guten Erfahrungen anderer zu lernen und praxiserprobte Lösungen auf das eigene Unternehmen zu übertragen, spart nicht nur Zeit, sondern auch Kosten. Auch wenn es um die Erstellung eines Aktionsplans geht, kann externe Unterstützung sinnvoll sein, wie es z. B. das Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft gGmbH (IMEW) anbietet. Ein nachhaltiges Engagement zahlt sich aus, nicht nur wirtschaftlich, und führt zu einem neuen Grundverständnis. Statt bei Menschen mit Behinderung vor allem das zu sehen, was sie nicht können, geht es jetzt darum, eine vorurteilsfreie und ressourcenorientierte Haltung einzunehmen. Aktionspläne zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention sind hier wichtige Wegweiser.

talentplus:
Herr Guttzeit, vielen Dank für das Interview.

Olaf Guttzeit ist Schwerbehindertenbeauftragter des Arbeitgebers bei Boehringer Ingelheim Pharma GmbH & Co. KG Außerdem ist er Vorstand des UnternehmensForums, das sich für mehr Integration behinderter Menschen in die Wirtschaft einsetzt. Olaf Guttzeit

Linktipp:

  • Boehringer Ingelheim hat als erstes Unternehmen einen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Konvention erarbeitet. Der Aktionsplan kann hier heruntergeladen werden.

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Die „Initiative Inklusion“ der Bundesregierung
Die Initiative Inklusion ist ein wesentlicher Bestandteil des Nationalen Aktionsplans der Bundesregierung. Die bestehenden Instrumentarien zur Förderung der Teilhabe schwerbehinderter Menschen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt werden durch die Bereitstellung von Mitteln in Höhe von bis zu 100 Millionen Euro ergänzt. Die Initiative Inklusion wird in enger Zusammenarbeit mit den Arbeits- und Sozialministerien der Länder durchgeführt.

Über die Initiative sollen in den nächsten Jahren 20.000 schwerbehinderte Jugendliche aus der Schule heraus begleitet werden, um sie für die Ausbildung vorzubereiten.

„Initiative Inklusion"

Die Richtlinie zur Initiative Inklusion können Sie beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales als PDF-Datei herunterladen.

Die Umsetzung der Initiative Inklusion ist in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich weit vorangeschritten. Eine Übersicht über die Fördermöglichkeiten für Arbeitgeber, die laufend ergänzt wird, finden Sie bei talentplus.

Zahlen:

Insgesamt leben etwa 7,1 Millionen schwerbehinderte Menschen in Deutschland. Nur 4 Prozent von ihnen sind seit ihrer Geburt behindert, die Mehrzahl der Behinderungen wird erst im Laufe des Lebens erworben, also auch im Laufe ihrer Erwerbstätigkeit.

In Deutschland gibt es über drei Millionen schwerbehinderte Menschen im erwerbsfähigen Alter. Im April 2012 waren etwa 178.500 schwerbehinderte Menschen arbeitslos gemeldet.

Außerdem sollen 1.300 neue betriebliche Ausbildungsplätze für schwerbehinderte Jugendliche sowie 4.000 neue Arbeitsplätze für ältere schwerbehinderte Menschen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt geschaffen und die Inklusionskompetenz bei der Kammer verbessert werden.

Pro neuem Ausbildungs- oder Arbeitsplatz können Arbeitgeber mit bis zu 10.000 Euro gefördert werden. Neben der finanziellen Förderung können Unternehmen auch mit Unterstützung der Arbeitsvermittlung, der Kammern oder der Integrationsfachdienste rechnen.

Für schwerbehinderte Jugendliche, die vorbereitende Maßnahmen zur „Heranführung an betriebliche Ausbildungen“ benötigen, stehen zusätzliche Mittel zur Verfügung.

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Inklusionspreis „Unternehmen fördern Inklusion”

Schwerbehinderte Menschen einzustellen oder auszubilden ist für viele Unternehmen längst nichts Besonderes mehr; viele gute Beispiele aus der Praxis belegen dies. Selbstverständlich ist es dennoch nicht.

Das UnternehmensForum für die Integration von Menschen mit Behinderungen (www.unternehmensforum.org) lobt 2012 erstmalig den Inklusionspreis "Unternehmen fördern Inklusion" aus. Prämiert werden Unternehmen, die Projekte und Aktionen zur Einstellung und Ausbildung von Menschen mit Behinderung, Weiterbeschäftigung von leistungsgewandelten Mitarbeitern oder Erhaltung der Beschäftigungsfähigkeit durchgeführt haben.

Preisgeld: zwischen 7.500 und 1.000 Euro
Bewerbungsfrist: 31. Mai 2012.

Linktipp:

  • Alle Infos finden Sie direkt beim Unternehmensforum. Bitte klicken Sie hier

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