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Im Bereich Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM) ist Dirostahl besonder aktiv.

talentplus: Die Karl Diederichs KG - Dirostahl wurde unlängst vom Landschaftsverband Rheinland als "besonders behindertenfreundlicher Arbeitgeber" ausgezeichnet. Besonders hervorgehoben wurde die Umsetzung des Betrieblichen Eingliederungsmanagements in Ihrem Unternehmen. Was genau tun Sie da?

Wößner: Das Betriebliche Eingliederungsmanagement ist in unserem Unternehmen bereits im Jahr 2008 eingeführt worden. Dieses Programm wird aber nicht nur unseren schwerbehinderten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern angeboten, sondern allen unseren Beschäftigten. Ausnahmslos jeder, der in einem Zeitraum von 12 Monaten mehr als 30 Tage krank war, wird von uns angeschrieben und bekommt das BEM angeboten. Das BEM ist grundsätzlich vollkommen freiwillig. In unserem Unternehmen nutzen viele Kollegen die Möglichkeiten des BEM. Im Prinzip schauen wir im Rahmen eines gemeinsamen Gesprächs, was wir verbessern können, um die Gesundheit zu fördern, Krankheiten zu vermeiden oder Krankzeiten zu verkürzen. Es ist ein Hilfsangebot des Unternehmens, und es geht darum, dem Arbeitnehmer zu helfen. Selbstverständlich ist dies nicht komplett uneigennützig. Wir erhoffen uns davon natürlich auch, dass sich die Krankenzeiten reduzieren. Dies bedeutet niedrigere Lohnfortzahlungskosten und damit eine Verringerung des Kostenblocks.  

Herr Bitzer, Herr Wößner, Herr Teller

Bei dem BEM-Gespräch sind neben dem betroffenen Mitarbeiter der Fachvorgesetzte, der Betriebsleiter, Herr Bitzer als Schwerbehindertenvertreter und ich als Personalleiter vertreten. Wir versuchen dann gemeinsam zu erörtern, welche Beschwerden vorliegen und was wir dagegen tun können. Wir wollen, dass die Arbeitsfähigkeit auch im Hinblick darauf, dass die Mitarbeiter demnächst bedeutend länger arbeiten müssen, möglichst lange erhalten bleibt. Die Maßnahmen, die dann ergriffen werden, sind ganz unterschiedlich: Manchmal sind es technische Hilfen oder organisatorische Änderungen wie beispielsweise die Vermeidung von Nachtschichteinteilungen oder die generelle Vermeidung von Wechselschichten. Wir überlegen immer gemeinsam, wie sich geeignete Maßnahmen im Betrieb umsetzen lassen. In der Vergangenheit ist uns das eigentlich auch fast immer ganz gut gelungen.

Bitzer: Viele Kollegen haben immer noch Sorge, dass man ihnen etwas Böses will, wenn sie das Angebot zum BEM bekommen. Es erfordert etwas Fingerspitzengefühl, die Gespräche zu führen. Aber nur wenn wir mit den Leuten sprechen und Infos bekommen, können wir entsprechend helfen.

talentplus: Hatten Sie auch konkrete Arbeitsplatzumgestaltungen mit technischen Hilfsmitteln?

Wößner: Oft sind es Kleinigkeiten, die in solchen Fällen helfen, wie die Anschaffung einer Stehhilfe oder eines Drehmomentschlüssels. Manchmal sind es auch Umstellungen an Maschinen, die Änderung der Beleuchtung oder die Umrüstung eines Hallentors zur Verringerung von Zugluft usw. Da gibt es wirklich eine riesengroße Palette an Hilfsmaßnahmen.

Beim BEM werden die Hilfen eben spezifisch auf die Person abgestimmt. Häufig liegen die Krankheitsursachen aber auch im privaten Bereich und haben gar nichts mit der Arbeitsstelle zu tun. Aber auch da versuchen wir zu helfen. Wir unterstützen bei der Arztsuche oder empfehlen die Teilnahme an speziellen Kursen wie beispielsweise Rückenschulungen.

Grundsätzlich kann ich sagen, dass wir durch eine sehr vertrauensvolle Zusammenarbeit gemeinsam mit dem Betriebsrat, unserer Schwerbehindertenvertretung, dem Integrationsamt und unserem Betriebsarzt in der Vergangenheit schon eine Menge bewirken konnten. 

talentplus: Noch mal zurück zu der Arbeitsplatzumgestaltung. Haben Sie externe Berater, zum Beispiel technische Ingenieure von den Integrationsämtern, zu Rate gezogen?

Wößner: Ja, die technischen Berater des LVR werden eingeladen, um den Arbeitsplatz zu besichtigen und zusammen mit uns nach Verbesserungsmöglichkeiten zu suchen.

Bitzer: Die Ingenieure haben viel mehr Erfahrung in Sachen Arbeitsplatzumgestaltung. Sie wissen vor allem, welche Hilfsmittel es so auf dem Markt gibt. Hier haben wir logischerweise nicht so viel Erfahrung.

talentplus: Und nutzen Sie auch Fördermittel?

Wößner: Kleinigkeiten, wie eben beschrieben, werden oftmals direkt und völlig unbürokratisch im Betrieb umgesetzt. Dafür beantragen wir keine Fördergelder. Bei größeren Anschaffungen sieht das aber anders aus. Beispielsweise, wenn ein spezieller Sitz für einen Gabelstapler benötigt wird oder ein ganz spezieller Werktisch, dann beantragen wir auch Fördermittel.

talentplus: Das Werksgelände ist sehr groß und sicher finden des Öfteren Baumaßnahmen statt. Berücksichtigen Sie da von vornherein Maßnahmen zum barrierefreien Zugang?

Wößner: Wir haben zurzeit sehr viele Baumaßnahmen auf unserem Betriebsgelände. Ich muss aber auch dazu sagen, dass wir aktuell niemanden haben, der in einem Rollstuhl sitzt. Der Betrieb ist auch sehr weitläufig und wir haben viel Werksverkehr. Somit wäre die Beschäftigung von Rollstuhlfahrern ausgesprochen schwierig. Daher ist das für uns bei neuen Bauten momentan noch kein Thema.

talentplus: Haben Sie innerhalb des Hauses Informationsangebote für Führungskräfte und Kollegen zum Thema schwerbehinderte Mitarbeiter?

Wößner: Nein, bei uns wird das ohnehin schon lange gelebt. Zur Einführung des betrieblichen Eingliederungsmanagements haben wir eine Betriebsvereinbarung abgeschlossen. Außerdem wurden alle Mitarbeiter durch einen entsprechenden Aushang über das BEM informiert. Grundsätzlich versuchen wir das Thema, auch die BEM-Gespräche, lösungsorientiert und pragmatisch anzugehen, immer abgestimmt auf den einzelnen Mitarbeiter. Die Führungskräfte werden bei entsprechenden Fragen tatkräftig von der Personalabteilung wie auch vom Betriebsrat unterstützt.

talentplus: Gibt es Probleme zwischen den Kollegen?

Bitzer: Viele Kollegen wissen gar nicht, dass der Kollege an der Maschine nebenan schwerbehindert ist. Oft sind die Behinderungen gar nicht sichtbar.

Wenn beispielsweise ein neuer und bequemerer Sitz für den Stapler angeschafft wird, weil der Mitarbeiter ihn braucht, profitiert natürlich auch der Kollege aus der anderen Schicht davon. Der Sitz wird ja bei Schichtwechsel nicht umgebaut. Wir haben viele Hilfsmaßnahmen umgesetzt, von denen alle Mitarbeiter profitieren. Das kommt gut an.

talentplus: Haben Sie eigentlich eine Integrationsvereinbarung im Haus?

Wößner: Nein.

talentplus:  Streben Sie es an?

Wößner: Nein, wir lösen Probleme so, wie der konkrete Fall es erfordert. Eine Integrationsvereinbarung halte ich da nicht für notwendig.

Bitzer: Wir sind schon immer eine Firma gewesen, die kurze und schnelle Wege geht. Wir müssen das nicht mit irgendwelchen Vereinbarungen noch erschweren oder bürokratisieren. Bei uns klappt das alles auch auf kurzem Wege mit Gesprächen und Ähnlichem. Wir brauchen keine großartigen Formulierungen, bevor wir es in Angriff nehmen.

talentplus:  Ja, so selbstverständlich sollte es ja eigentlich sein.

Bitzer: Ist ein Vorteil.

talentplus:  Ist Ihnen der Begriff Inklusion bekannt? Verfolgen Sie die Debatte um die Umsetzung von Inklusion in der Gesellschaft und in der Arbeitswelt?

Wößner: Ja, natürlich nehmen wir das wahr. Schwerbehinderte Menschen haben genauso ein Recht auf Integration in die Arbeitswelt wie jeder andere auch. Das wird jedoch schon seit je her so hier im Unternehmen praktiziert. Die Unterstützung und Hilfe von schwerbehinderten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist bei uns gelebte Unternehmenskultur und dies bezieht sich im Übrigen auch nicht nur auf Schwerbehinderte.

Bitzer: Andere brauchen dann erst mal eine Vorschrift, um es umzusetzen. Das haben wir hier eigentlich noch nie gebraucht. Vor allen Dingen muss man auch immer dabei sagen, wir haben natürlich auch einen Vorteil: Einen guten Draht zur Geschäftsführung, die uns auch keine Knüppel zwischen die Beine wirft, wie es leider in anderen Firmen vielleicht der Fall ist. Diese Probleme haben wir hier zum Glück nicht.

talentplus: Nutzen Sie die Preisverleihung als behindertenfreundliches Unternehmen auch für Ihr Image nach außen hin? Sie hatten ja am Telefon im Vorfeld bereits signalisiert, dass ich nicht die Erste sei, die ein Interview anfragt.

Herr Teller in der Werkstatt

Wößner: Eigentlich ist es für uns selbstverständlich, betroffene Mitarbeiter zu unterstützen. Mit dem Medienrummel, der dann auf einmal entstanden ist, nachdem wir diesen Preis gewonnen hatten, haben wir definitiv nicht gerechnet. Wir haben uns damals für diese Auszeichnung beworben, das ist richtig. Wir wurden von der Örtlichen Fürsorgestelle in Remscheid, mit der wir schon in vielen Fällen sehr vertrauensvoll zusammen gearbeitet haben, für diesen Preis vorgeschlagen. Und dann haben wir, für uns ganz überraschend, den Preis „behindertenfreundlicher Arbeitgeber“ erhalten. Wir hatten damals aber nicht gedacht, dass diese Preisverleihung dann solche Wellen schlagen würde.

Wir haben dieses Prädikat nie als Werbemittel genutzt. Bei uns gibt es auf den Geschäftsbriefen nicht irgendwo den Hinweis, dass wir die Auszeichnung „behindertenfreundlicher Arbeitgeber“ vom LVR verliehen bekommen haben. Lediglich in der werksinternen Mitarbeiterzeitung haben wir kurz darüber berichtet. Wir sehen uns auch eigentlich gar nicht als Vorbild für andere Arbeitgeber, weil die Dinge, die wir tun, für uns wie gesagt eine Selbstverständlichkeit darstellen. Selbst wenn es vielleicht nicht immer einfach sein mag, so denke ich schon, dass sich wirtschaftlicher Erfolg und soziales Engagement gemeinsam umsetzen lassen.

Teller: Die Vorbildfunktion wäre schon gegeben. Andere Arbeitgeber können sehen, dass es hier wirklich gelebt wird und wie es gelebt wird. Eben miteinander, durch Gespräche mit den Vorgesetzten oder Abteilungsleitern. Nur indem man miteinander spricht, kann man auch etwas verändern. Von dieser gelebten Selbstverständlichkeit können auch andere Arbeitgeber etwas lernen.

talentplus: Und das spricht sich bei Arbeitnehmern herum. Auch von außen wird eine positive Unternehmenskultur wahrgenommen. Das kann einen positiven Effekt auf die Fachkräftesicherung haben. Sehen Sie das auch so?

Bitzer: Dirostahl hat einen guten Ruf und wir erhalten viele Bewerbungen. Vielleicht ein paar mehr Bewerbungen als andere Unternehmen, das mag sein.

Als wir den Preis bekommen hatten, stand dies in der lokalen Presse. In den drei Wochen danach erhielten wir drei Bewerbungen von schwerbehinderten Menschen. Das war bestimmt kein Zufall. Allerdings machen die Bewerber sich leider auch manchmal falsche Vorstellungen von der Arbeit hier im Werk. Wir sind eine Stahlschmiede, hier geht es schon ein bisschen härter zu. Leichtarbeitsplätze haben wir nicht so viele.

Wir hatten einmal eine Bewerbung eines blinden Menschen. Wenn man den Betrieb hier kennt, weiß man, dass eine Beschäftigung eines blinden Menschen auf unserem Produktionsgelände auch in Hinblick auf den starken Werksverkehr durch LKWs und Gabelstapler nicht möglich ist. Die Gefahren sind viel zu groß. Mir tat das wirklich leid.

talentplus: Herr Teller, wie lange sind Sie denn schon im Unternehmen?

Teller: Ich habe 2007 bei Dirostahl angefangen und im selben Jahr noch einen Arbeitsunfall gehabt. Operationen und Reha das hat sich dann 3 Jahre hingezogen. Bis dann die Berufsgenossenschaft gesagt hat, dass ich meinen Beruf so wie vor dem Unfall nicht mehr ausüben kann.

talentplus: Und Ihr Beruf war was? Herr Teller am neuen PC-Arbeitsplatz

Teller: Elektriker, ich war für die Instandhaltung der Maschinen zuständig. Das konnte ich nicht mehr ausführen. Ich habe dann mit dem Arbeitgeber gesprochen und wir haben gemeinsam etwas anderes gefunden. Für mich wurde ein neuer Arbeitsplatz in der Elektrowerkstatt eingerichtet.

talentplus: Wurde das von der Berufsgenossenschaft unterstützt?

Teller: Ja, da es ein Arbeitsunfall war, war die Berufsgenossenschaft zuständig. Ein Betreuer der BG hat mit mir und dem Arbeitgeber gesprochen und gesagt was bei mir festgestellt wurde. Durch eine Sprunggelenksverletzung kann ich keine Sicherheitsschuhe mehr tragen. Somit darf ich mich im Stahlbetrieb außerhalb der Gehwege, überhaupt nicht mehr bewegen. Wir haben einen guten Kompromiss gefunden, den Arbeitsplatz in der Werkstatt kann ich auf den Gehwegen erreichen. In der Werkstatt sind Sicherheitsschuhe nicht nötig. Das Restrisiko trägt auch die Berufsgenossenschaft mit. So habe ich den Weg zurück in den Arbeitsprozess gefunden.

talentplus: Haben Sie auch Weiterbildungsmaßnahmen wahrgenommen?

Teller: Ja, ich hatte eine Weiterbildung am PC-Arbeitsplatz und eine anschließende Vertiefung. Ich arbeite überwiegend am PC an einem Qualitätsmanagementsystem für die Instandhaltung der Maschinen. Eigentlich naheliegend, da man dafür auch das fachliches Know-How haben muss. Die Weiterbildungen hat die BG soweit auch bezahlt. Sie hat auch die Einrichtung des PC-Arbeitsplatzes in der Elektrowerkstatt gezahlt.

talentplus: Und sind Sie zufrieden mit der Entwicklung?

Teller: Ja, ich sehe das positiv. Es nutzt auch nichts, wenn man sagt: „Das Leben geht jetzt nicht mehr weiter.“ Es ist ein Arbeitsunfall, der ist halt passiert. Klar, manche Sachen kann man dann nicht mehr machen, im Arbeitsprozess nicht und auch nicht im Privatbereich. Doch ich muss sagen, es ist wirklich okay, so wie es jetzt ist.

talentplus: Sehen Sie das auch so?

Wößner: Ja, auf jeden Fall. Der Fall von Herrn Teller ist ein tolles Beispiel für eine erfolgreiche Integration in das Arbeitsleben nach einem schweren Unfall.

talentplus: Herr Wößner, Herr Bitzer, Herr Teller vielen Dank für das Gespräch.

 

Karl Diederichs KG

 
 

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