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ZWILLING J.A. Henckels AG Solingen

Logo der Firma ZWILLING J.A. Henckels AG Solingen

Ralf Werner, Direktor Personalmanagement der ZWILLING Gruppe, Prof. Dr. Susanne Schwalen, Vorstandsvorsitzende der Lebenshilfe Solingen und Andreas Engeln, Geschäftsführer der Lebenshilfe WfbM gGmbH treffen sich zum gemeinsamen Gespräch im Stammhaus der ZWILLING Gruppe.

Das Interview führte Andrea Kurtenacker im Juni 2014 im Werk Solingen.

talentplus: Die ZWILLING Gruppe gehört zur Schneidwarenindustrie. Es handelt sich um eine der ältesten Marken weltweit. Können Sie kurz schildern, was ZWILLING produziert?

Werner: Wenn man heutzutage sagt, dass ZWILLING zur Schneidwarenindustrie gehört, dann trifft uns das hart. Wir sind mit unserer Produktpalette sehr modern und breit aufgestellt. Wir haben drei Hauptgeschäftsbereiche Küche, Beauty und Friseurbedarf.

Zubereitungsmesser für die Küche gehören selbstverständlich dazu. Neben den Schneidwaren, zu denen die Messer gehören, produziert ZWILLING Kochgeschirr, Bestecke und Accessoires für die Küche, unter anderem auch in Shanghai und Spanien.

Tochterunternehmen wie beispielsweise demeyere, Belgien, produzieren Kochgeschirr aus Edelstahl, und unsere emaillierten Gussprodukte werden von Staub in Frankreich produziert.

Ein zweiter großer Geschäftsbereich sind die Beauty-Tools von ZWILLING. Hierzu gehören klassische Produkte für die Haut- und Nagelpflege. Mit den Marken Tweezerman, alessandro und QVS Global deckt die ZWILLING Gruppe das gesamte Portfolio im Beautysegment ab.

Der dritte Geschäftsbereich Friseurbedarf wird durch United Salon Technologies (UST) mit den Marken Jaguar und Tondeo vertreten. Als Weltmarktführer in ihrem Bereich bietet UST Haarscheren sowie weitere Artikel für den Friseurbedarf an.

Ich habe noch längst nicht alle Produkte erwähnt. Eine Beschränkung auf Schneidwaren ist also lange hinfällig.

talentplus: Weltweit beschäftigen Sie 3.800 Mitarbeiter. Wie viele sind es am Standort Solingen?

Werner: Am Standort Solingen haben wir insgesamt 600 Mitarbeiter.

talentplus: Ihr Engagement für Menschen mit Behinderung erstreckt sich nicht nur auf den Standort Solingen, sondern weltweit auf alle Ihre Tochterunternehmen. Beispielsweise unterstützen Sie ein Projekt in einer Ihrer Produktionsgesellschaft in Indien. Jungen Menschen mit Behinderung wird dabei geholfen, einen Beruf zu erlernen, um ein eigenständiges Leben zu führen. Woher kommt dieses Engagement? Was treibt Sie an?

Werner: Unsere guten Erfahrungen, die wir in der Vergangenheit am Standort Solingen gemacht haben, sind ganz sicher ein Grund für unser Engagement. Die Projekte im Ausland sind erst daraus entstanden.

Mit der Lebenshilfe Solingen arbeiten wir immerhin seit mehr als 40 Jahren zusammen. 2004 haben wir unsere Logistik zu einem komplexen Logistikzentrum ausgebaut. Bis dato ausgelagerte Arbeitsplätze bei der Lebenshilfe wurden anschließend in unser Unternehmen integriert. Wir haben eine komplette Etage hierfür behindertengerecht eingerichtet, sämtliche Auflagen wurden erfüllt. Die Menschen, die früher in der Werkstatt der Lebenshilfe für uns gearbeitet haben, können nun bei ZWILLING ihre Arbeit verrichten. Mittlerweile arbeiten hier 80 Menschen mit Behinderung.

talentplus: Sie bleiben aber weiterhin Angestellte der Lebenshilfe?

Engeln: Ja, genau. Die Kollegen und Kolleginnen sind Werkstattmitarbeiter, die bei ZWILLING in unserem Namen tätig sind. Wir sind Dienstleister für ZWILLING.

 

Schwalen: Die soziale Komponente ist ungeheuer wichtig. Das gemeinsame Mittagessen, das gemeinsame Feiern mit den Kollegen. Die Menschen mit Behinderung werden in den Betriebsablauf bei ZWILLING voll integriert. Das ist ja auch Ziel: die Teilhabe am Arbeitsleben. Das ist damit verwirklicht worden.

Werner: Dadurch haben wir viel Erfahrung gesammelt und Erfolge erzielt, die wir auch kommunizieren. Ein Beispiel: Die Firma ARCOS HERMANOS S.A. ist der größte spanische Schneidwarenhersteller. Wir halten an diesem Unternehmen 49 Prozent der Anteile. Hier haben wir empfohlen, ebenfalls Außenarbeitsplätze anzubieten. ARCOS ist ein sehr sozial eingestelltes Familienunternehmen, genau wie die Familie Werhahn, die sich gerne in der Öffentlichkeit zurückhält, sich aber dennoch für ihre Mitarbeiter einsetzt.

talentplus: ZWILLING gehört zu 100 Prozent der Wilh. Werhahn KG.

Werner: Ja, sie sind die alleinigen Eigner. Und ihnen ist es mit zu verdanken, dass wir in Spanien das Modell, das wir in Solingen eingeführt haben, implementieren konnten.

talentplus: Würden Sie das auch anderen Arbeitgebern raten? Vielleicht können Sie kurz die Vorteile skizzieren, die sich ergeben?

Werner: Durch die Integration der Außenarbeitsplätze in unser Werk konnten wir viele Abläufe optimieren, also die Warenausgangskontrolle, den Transport zur WfbM, dann den Rücktransport zum Werk, die Wareneingangskontrolle. Das spart Zeit.

Man darf aber nicht davon ausgehen, dass eine kontinuierliche Leistungskurve bei den Mitarbeitern der WfbM vorhanden ist, ebenfalls kann nicht auf Akkordlohn gesetzt werden – das schwankt schon mal. Das muss man einplanen.

Bei der Integration der Außenarbeitsplätze in unser Werk lag der Vorteil also bei der Optimierung der logistischen Wege und der Qualitätskontrolle. Für ZWILLING ist es dies aber nicht alleine. ZWILLING ist ein sehr großer Arbeitgeber hier in der Region. Für uns besteht auch eine soziale Verpflichtung als Unternehmen. Wir wollen gesellschaftlich vorbildlich sein und dafür übernehmen wir soziale Verantwortung.

talentplus: Bei den Mitarbeitern der WfbM handelt es sich um Menschen mit geistigen Einschränkungen?

Engeln: Zur Hälfte handelt es sich um Menschen mit geistigen Einschränkungen und zur Hälfte um Menschen mit psychischen Einschränkungen.

talentplus: Die Debatte um Fachkräftemangel ist in aller Munde. Rekrutieren Sie aus dem Stamm der Werkstattbeschäftigten auch Mitarbeiter? Halten Sie das für eine mögliche Methode?

Werner: Gemeinsam mit der Lebenshilfe sind wir immer wieder bemüht, Mitarbeiter im ersten Arbeitsmarkt unterzubringen. Viele Kollegen haben hier ihren Platz gefunden.

Wenn Sie die Kollegen aus der Werkstatt allerdings fragen, wo sie denn arbeiten, wird keiner sagen: „Ich arbeite in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung.“ Alle werden antworten: „Ich arbeite bei ZWILLING“. Wir haben es geschafft,  die Kollegen voll in das Unternehmen zu integrieren. Wir sehen das als ungeheuren Vorteil.

Wir sind ein international tätiges Unternehmen. Wir kennen keinen Unterschied: ob Menschen eine Behinderung haben, welche Hautfarbe sie haben oder wie sie denken. Bei uns wird nicht unterschieden, ob ein Handicap vorliegt oder nicht. Der Mensch mit Behinderung ist genauso unser Kollege wie die Mitarbeiter ohne. Das haben wir umgesetzt.

Engeln: ZWILLING ist  gemeinsam mit der Lebenshilfe noch einen weiteren Schritt gegangen. Neben den Außenarbeitsplätzen haben wir auch eine inklusive Gruppe integriert. Hier arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam.

talentplus: Ist das ein Integrationsprojekt?

Schwalen: Ein Inklusionsprojekt, das wir gemeinsam betreiben.

Werner: Die Kollegen in der Gruppe sind auf der Vorstufe zum ersten Arbeitsmarkt.

Schwalen: Genau so ist das.

talentplus: Und wie viele Mitarbeiter sind daran beteiligt?

Schwalen: Es sind 20 Mitarbeiter in der Gruppe, 10 Kollegen haben eine Behinderung. Man muss allerdings ganz klar sagen, dass die Kollegen mit Behinderung ziemlich fit sind. Sie  arbeiten dort im Dienstleistungsbereich.

talentplus: Sind das Verpackungsarbeiten?

Schwalen: Ja, unter anderem Verpackungstätigkeiten, Kommissionierungsarbeiten, Qualitätskontrollen und auch Reinigungsarbeiten. Die Aufgabenbereiche sind klar definiert. Der Kollege, der sich in eine Tätigkeit eingearbeitet hat, kann in der Regel keine andere Aufgabe übernehmen – wir müssen ja auch sicherstellen, dass die richtigen Messer und Töpfe im richtigen Karton sind. Auch Artikelnummer und Produkt müssen übereinstimmen. Der Wechsel in andere Aufgaben erfolgt ganz langsam.

talentplus: Wo liegt der Unterschied zwischen Außenarbeitsplätzen und der inklusiven Gruppe, was ist da anders?

Engeln: Zunächst sind es ganz normale Werkstattmitarbeiter, bei denen wir die Chance sehen, dass sie inklusiv arbeiten können. Die Kollegen arbeiten ganz normal mit Kollegen von ZWILLING zusammen. Die Kollegen auf den Außenarbeitsplätzen arbeiten gemeinsam in einer Gruppe, die von Gruppenleitern der Lebenshilfe betreut wird.

Schwalen: Wir können als Werkstatt für Menschen mit Behinderung im eigenen Haus kein riesiges Spektrum an Arbeiten anbieten. Für uns sind Außenarbeitsplätze daher enorm wichtig. Für unsere Mitarbeiter bedeutet das, mehr Auswahl zu haben. Die Haltung des Unternehmens zur Beschäftigung von Menschen mit Behinderung ist daher von sehr großer Bedeutung. Herr Werner sagte es bereits: Es ist viel Erfahrung notwendig, damit Projekte auch tatsächlich gelingen. Dabei müssen alle Beteiligten die Chance erhalten, in ihre Aufgabe hineinzuwachsen. Das war und ist bei ZWILLING gegeben.

talentplus: Und wie reagieren die Kollegen im Werk?

Werner: Positiv! Menschen mit Behinderung gehören dazu.

talentplus: Sie denken auch schon an die Jüngsten.

Werner: Wir sind stolz drauf! Wir betreiben als erstes Unternehmen in Deutschland einen integrativen Kindergarten. Betriebskindergärten gibt es viele. Wir haben drei Gruppen, zwei Gruppen sind integrativ. Und es sind verschiedene Arten von Behinderungen vertreten, leichte Lernverzögerung bis hin zu schweren körperlichen Beeinträchtigungen.

Es ist schön zu sehen, wie Kinder mit und ohne Behinderung völlig ohne Berührungsängste miteinander umgehen und groß werden. Das ist, glaube ich, eine Aufgabe, die wir alle haben, dass Minderheiten generell eingebunden werden und Akzeptanz füreinander vorhanden ist.


Schwalen: Sie können es vielleicht nicht so sagen, aber ich darf es sagen: Dieser Kindergarten hat ganz hervorragende Bedingungen. Sowohl die räumliche als auch die personelle Ausstattung ist von der Quantität und der Qualität her extrem hoch. Die Betreuung der Kinder ist optimal. Jede Familie kann sich freuen, wenn sie hier einen Platz bekommt.

Werner: Das Kompliment gebe ich gerne zurück. Die Trägerschaft liegt bei der Lebenshilfe, sie besitzt die Kernkompetenz: wie wird ein Kindergarten geführt, wie muss man pädagogisch aufgestellt sein? Bereits beim Bau des Kindergartens 2009 haben wir gesagt: Die Lebenshilfe betreibt auch Kindergärten, lasst uns das Projekt gemeinsam starten.

Beim Bau des Gebäudes mussten viele Auflagen berücksichtigt werden, ohne die Lebenshilfe hätten wir da bestimmt viele Fehler gemacht.

talentplus: Frau Professor Schwalen, ZWILLING ist ein sehr positives Beispiel. Wo hakt es denn bei anderen Unternehmen? Was brauchen Arbeitgeber, um ähnlich tätig zu werden?

Schwalen: Wo es nicht so funktioniert, möchte ich jetzt gar nicht sagen. Sicher gibt es Ängste, viele sind den Umgang mit Menschen mit Behinderung nicht gewohnt, sie müssen zunächst Erfahrungen sammeln. Arbeitgeber sollten wissen: wenn sie es versuchen wollen,  stehen ihnen Integrationshelfer zur Seite, die beratend tätig sind. Es gibt sehr viele Möglichkeiten, Menschen mit Behinderung im Unternehmen produktiv einzusetzen.

Wir haben auch aus anderen Firmen wirklich tolle Beispiele, wo uns viel Positives  zurückgemeldet wird. Oft wird berichtet, dass sich die Arbeitsatmosphäre im Unternehmen deutlich verbessert hat. Es passieren viele lustige Dinge. Es entstehen neue Pausenaktivitäten und Freizeitaktivitäten. Ich denke, alle können davon profitieren.

talentplus: Wie gehen Sie auf die Unternehmen zu?

Engeln: Als Werkstatt sind wir auch Dienstleister für die Industrie und gewerbliche Kunden. Durch diese Kontakte kommen wir ins Gespräch und werden nach Außenarbeitsplätzen gefragt. Wir untersuchen daraufhin die möglichen Einsatzgebiete im Unternehmen, schulen die Mitarbeiter, auch Sicherheitsmaßnahmen werden beachtet. Gemeinsam werden dann Tätigkeiten erarbeitet, die von unseren Leuten ausgeführt werden müssen. Das alles geschieht selbstverständlich freiwillig, wir versuchen zu motivieren.

Schwalen: Wir gehen aber auch neue Wege. Unsere WfbM hat einen Bildungsbereich. Wir möchten in Zukunft gewährleisten, dass die Menschen, die zu uns kommen und im Bildungsbereich sind, auch Zertifikate erhalten können, die von der IHK anerkannt sind. Daran arbeiten wir.

talentplus: Meinen Sie Teilqualifizierungen?

Engeln: Das sind im Prinzip Einstiegsqualifizierungen. Allerdings ist der Begriff durch rechtliche Rahmenbedingungen bereits belegt.

Schwalen: Wir müssen Qualifikationen für Menschen mit Behinderungen schaffen, die auch genutzt werden. Die Kompetenzen und die Möglichkeiten, wie und wo sie eingesetzt werden, müssen herausgearbeitet werden. Wir sehen darin eine absolute Notwendigkeit.

talentplus: Würden Sie das begrüßen?

Werner: Das ist nur fair. Menschen mit Behinderungen, die qualifiziert wurden, müssen das auch zum Ausdruck bringen können.

talentplus: Haben Sie Auszubildende mit Behinderung?

Werner: Ja haben wir. Unser komplettes Verwaltungsgebäude wurde barrierefrei umgebaut. Das beinhaltete auch den Umbau unserer Aufzüge, Carports im Außenbereich oder den Bau von neuen Sanitäranlagen. Im Zuge dessen waren wir in der Lage, eine Auszubildende, die Rollstuhlfahrerin ist, ohne Probleme einzustellen.

talentplus: Werden Ihre Führungskräfte zum Thema „Arbeitsleben und Behinderung“ geschult?

Werner: Wir suchen Menschen aus, die auch zu uns passen. Bei uns ist nicht nur die fachliche Kompetenz ein wichtiger Punkt, sondern auch, dass man zum Unternehmen passt. Für uns ist es wichtig, respektvoll mit Menschen umzugehen, dementsprechend werden die Führungskräfte ausgesucht. Bisher waren keine speziellen Schulungsmaßnahmen notwendig. Soziales Engagement und respektvolles Miteinander wird immer gefördert. Wir sind auf vielen Ebenen unterwegs. Unsere Mitarbeiter haben sich beispielsweise bereit erklärt, Patenschaften für Kinder mit Behinderung in Indien zu übernehmen. Gerade aktuell unterstützen wir einen ehemaligen Mitarbeiter, der eine halbseitige Spastik hat und mit seinem Dreirad eine 2.000 Kilometertour unternimmt, um anderen Mut zu machen. Es gibt viele Aktionen zu vielen Themen, und alle Mitarbeiter setzen sich hierfür ein.

talentplus: Gibt es für Ihr Unternehmen einen Aktionsplan oder eine Integrationsvereinbarung?

Werner: Nein, noch gar nicht. Das Unternehmen wächst da hinein.

talentplus:  Was würden Sie sich für die Zukunft wünschen? Haben Sie einen guten Tipp für andere Unternehmen?

Werner: Das ist sehr schwer, ich bin da ganz vorsichtig. Um einen Tipp zu geben, muss man wissen, was ausschlaggebend ist, was bewegt, in welchem Umfeld gearbeitet wird. Generell müssen mehr Menschen mit Behinderung in den Alltag integriert werden. Menschen mit Behinderungen gehören dazu, da gibt es keine Unterschiede.

Engeln: Ich wünsche mir Normalität. Einen ganz normalen Umgang. Man bekommt so viel zurück, wenn man einfach ganz normal handelt und die Menschen akzeptiert. Das ist eine Bereicherung.

Schwalen: Ich wünsche mir mehr Offenheit für Menschen mit Behinderung, weniger Angst und Vorbehalte und vor allem etwas mehr Durchhaltevermögen. Der Start ist sicher nicht ganz einfach,  aber Unternehmen sollten es versuchen.

talentplus: Frau Professor Schwalen, Herr Werner, Herr Engeln, vielen Dank für das Gespräch.

 
 

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