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Reha & Beruf gGmbH Köln

Christel Thünnesen ist Diplom-Sozialpädagogin und vertritt die Geschäftsleitung. Jacqueline Vingelli ist  Auszubildende zur Kauffrau für Bürokommunikation im ersten Lehrjahr. Trotz eines schweren Arbeitsunfalles ist sie hoch motiviert bei der Sache.

Das Interview führte Andrea Kurtenacker im Dezember 2013 am Standort Köln.

talentplus: Frau Thünnesen, können Sie kurz erläutern, in welchem Dienstleistungsbereich Reha & Beruf tätig ist?

Thünnesen: Die Reha & Beruf gGmbH arbeitet für und mit Menschen, die gesundheitlich eingeschränkt sind und wieder in die Berufstätigkeit zurückkehren möchten. Das fängt beim Kompetenzcheck und der Berufsorientierung an. Wir vermitteln anschließend unterschiedlichste Schlüsselqualifikationen und begleiten bei der betrieblichen Einzelumschulung bis zur Einstellung in den ersten Arbeitsmarkt. Das Angebot ist sehr vielfältig und auf die Bedarfe der Rehabilitanden abgestimmt.

talentplus: Werden die Kosten durch die Rehabilitationsträger getragen?

Thünnesen: Ja, bei Vorliegen der individuellen Voraussetzungen werden die Kosten durch die Kostenträger erstattet. Wir klären das mit den Rehabilitanden im Vorfeld.

talentplus:  Nun sind Sie mit Reha & Beruf auch gleichzeitig Arbeitgeber. Wie viele Beschäftige haben Sie insgesamt?

Thünnesen: Derzeit sind es 20 Mitarbeitende.

talentplus: Hier am Standort Köln?

Thünnesen: Hier in Köln sind wir 13 Kollegen und Kolleginnen. Wir haben ja noch weitere Standorte in Bonn und Düren.

talentplus:  Wissen Sie, wie viele Menschen in Ihrem eigenen Unternehmen, behindert, schwerbehindert oder gleichgestellt sind?

Thünnesen: Die Reha & Beruf beschäftigt 3 schwerbehinderte Mitarbeiter. Die Zahl ist zwar nicht so hoch, aber man muss bedenken, dass dies immerhin 15 %  der Gesamtbeschäftigten sind. Wir finden es wichtig, dass die Öffentlichkeit auch das Engagement der kleineren Unternehmen wahrnimmt. Auch kleine Unternehmen tragen hier Verantwortung. Bei Großunternehmen hören sich relativ kleine Quoten in der absoluten Zahl immer gut an. Aber viele kleine Unternehmen leisten auch ihren Beitrag. Da sind wir nicht die Einzigen.

talentplus:  Im Gegensatz zu vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen mussten Sie sich nicht mit den Modalitäten vertraut machen.

Thünnesen: Ja, das stimmt. Für uns ist der Schritt Menschen mit Behinderung einzustellen oder auszubilden sicher naheliegender als für andere Unternehmen, die sich überhaupt nicht auskennen. Obwohl wir hier keinesfalls den Eindruck erwecken wollen, dass dies eine Hürde sein muss. So viel gibt es da gar nicht zu bedenken.

Außerdem erhalten wir für unsere Arbeit auch öffentliche Gelder durch die Rehabilitationsträger. Wir empfinden es als unsere Pflicht, im Gegenzug auch selbst Menschen mit Behinderung einzustellen.

talentplus: Und welche Erfahrungen haben Sie bisher gemacht?

Thünnesen: Vielleicht hört es sich etwas abgedroschen an, aber wir machen wirklich gute Erfahrungen. Wir haben beispielsweise einen Kollegen, der eine Transplantation hinter sich hat und vielleicht nicht immer zu 100% leistungsfähig ist. Seine Einstellung zur Arbeit ist aber mehr als positiv. Er ist hoch motiviert und diese Motivation  strahlt auf die gesamte Belegschaft ab. Und nicht nur das. Sie müssen bedenken, dass unsere „Kunden“ Rehabilitanden sind. Diese positive Einstellung zur Arbeit und zum Leben wirkt auch auf sie. Sie können direkt miterleben, was trotz Krankheit  oder Behinderung alles erreicht werden kann.

talentplus:  Frau Vingelli, das triff auch auf Sie zu. Sie haben während eines Schülerjobs einen schweren Arbeitsunfall erlitten und waren lange in der medizinischen Reha. Nun sind Sie hier im Unternehmen Auszubildende zur Kauffrau für Bürokommunikation. Wie gefällt es Ihnen?

Vingelli: Es gefällt mir sehr. Erst recht mit den Menschen hier. Ich bin mehr als zufrieden.

talentplus: Gibt es denn Unterstützungsangebote, die Sie jetzt noch in Anspruch nehmen oder hat sich das erledigt?

Vingelli: Momentan gar nicht. Mir geht’s soweit gut. Die medizinische Reha ist noch nicht ganz abgeschlossen. Ich habe immer noch Operationen vor mir, aber das läuft schon. Also, ich kann soweit sagen, dass es mir gut geht.

talentplus: Gibt es noch andere Auszubildende hier bei Reha & Beruf?

Vingelli: Im Moment bin ich die Einzige.

talentplus: Wie haben Sie Ihren Einstieg nach der medizinischen Reha hier erlebt?

Vingelli: Klar, am Anfang war das ein bisschen komisch für mich, aber da muss ich sagen, dass die Kollegen mir das recht einfach gemacht haben. Sie haben mich nie anders behandelt. Ich fühlte mich immer gleichgestellt. Das war mir auch von Anfang an wichtig. Ich  habe immer nur Mitgefühl bekommen und kein Mitleid, das war sehr wichtig für mich.

talentplus: Möchten Sie zu dem Unfall selber noch etwas erzählen, damit die Leser eine Vorstellung davon bekommen, welche Dimensionen das alles hat?

Vingelli: Ich hatte einen Arbeitsunfall, als ich in einer Zeitarbeitsfirma gearbeitet habe. Da habe ich an einer Industriebohrmaschine gearbeitet.

talentplus: Darf ich fragen, wie alt Sie sind?

Vingelli: Ich bin 22 Jahre alt.

talentplus: Wie alt waren Sie, als das passierte?

Vingelli: Das ist im Mai 2012 passiert. Ich bin mit den Haaren in die Industriebohrmaschine gekommen und habe mich dadurch skalpiert. Ich weiß, das ist vielleicht nicht alles einfach, aber dadurch, dass ich so lange in der Reha war, weiß ich einfach, dass es auch immer schlimmer geht.

Ich war vier Wochen im Krankenhaus und acht Wochen in der Reha. Wenn man sich mit der eigenen und der Krankheit der anderen Menschen um einen herum die ganze Zeit über beschäftigt, erkennt man: Man muss immer froh sein über das, was man hat und nicht, was man nicht hat.

talentplus: Sie sind wirklich ein Mensch der nach vorne schaut.

Vingelli: Genau. Die acht Wochen in der Reha waren eine lange Zeit, aber die habe ich dafür auch gebraucht. Weil man einfach sieht, dass es immer schlimmer sein kann. Es gibt Menschen, die sind viel schlimmer dran als ich und sehen trotzdem immer nach vorne. Das hat mir sehr viel Kraft gegeben. Ich hatte auch sehr viel Unterstützung durch meine Familie.

talentplus: Sie machen auch einen sehr selbstbewussten und souveränen Eindruck.

Wir bieten bei REHADAT jungen Menschen mit Förderbedarf, die gerade zwischen Schule und Beruf stehen, Informationen zu Ausbildungsmöglichkeiten an. Was würden Sie den jungen Leuten raten? Kann ich einen Tipp von Ihnen bekommen?

Vingelli: Ich würde denen auf jeden Fall raten, sich niemals hängen zu lassen. Das hat immer viel mit der Einstellung selber zu tun. Man muss erst mal mit sich selber klar werden und wissen, was man überhaupt will. Man muss sich erst mal selbst damit abfinden können, damit man von den anderen auch angenommen wird.

talentplus: Sie engagieren sich sehr für Ihren Ausbildungsplatz. Immerhin fahren Sie täglich von Wuppertal bis nach Köln zur Arbeit.

Vingelli: Ja, das stimmt. Allerdings kann ich an den Tagen, an denen ich zur Berufsschule muss, in Wuppertal bleiben. Die freie Zeit nutze ich dann zum Lernen.

talentplus: Ist das eine Abmachung mit Reha & Beruf?

Thünnesen
: Ja, das ist ein Entgegenkommen unsererseits und das klappt auch gut.

talentplus: Nehmen Sie eigentlich auch Fördergelder in Anspruch?

Thünnesen:
Wir haben bei einem Kollegen einmal einen Lohnkostenzuschuss erhalten. Bei Frau Vingelli haben wir  Gelder über das Sonderförderprogramm Aktion5 beantragt, aber das ist noch nicht durch. Auch wir nehmen Hilfen an, wenn es sie gibt. Einstellungsentscheidend war es aber nie. 

talentplus: Frau Vingelli, Sie haben sehr lange nach einem Ausbildungsplatz gesucht. Schließlich hat Sie Reha & Beruf kurzerhand selbst als Auszubildende eingestellt. Wie ist das gelaufen?

Vingelli: Genau. Nach dem Unfall bin ich über die Berufsgenossenschaft  hierher gekommen. Ich hatte erst verschiedenen Unterricht und dann Bewerbungstraining. Ich wusste erst nicht, was ich machen wollte. Mit Hilfe der Pädagogen habe ich den Beruf ausgewählt und habe hier ein Praktikum angeboten bekommen.

talentplus: Und dann ist es zum Ausbildungsvertrag gekommen. Das ist toll! Wie lange waren Sie vorab in der Maßnahme?

Vingelli: Ein bisschen weniger als ein Jahr.  Erst das Rehamanagement und dann bin ich in die Potenzialanalyse gekommen. Ich habe mir gedacht, das könnte es sein. Ich habe es dann hier während eines Praktikums ausprobieren dürfen, und das hat mir auf Anhieb gefallen.

talentplus: Frau Thünnesen, wie würden Sie insgesamt die gemachten Erfahrungen zusammenfassen?

Thünnesen: Insgesamt kann ich sagen, dass durch die vielen unterschiedlichen Menschen mit ihren Eigenarten, ihrer Herkunft und auch ihrer Behinderung in Unternehmen eine Vielfalt entsteht, die wirklich zu mehr Toleranz führt. Es entsteht eine neue offene Sichtweise, die auch gelebt wird. Die Menschen schauen über ihren eigenen Tellerrand hinweg. Das wirkt sich auch betriebswirtschaftlich positiv aus. Das trifft nicht nur für unser Unternehmen zu, sondern das berichten auch Unternehmen zu denen wir Kontakt haben.

talentplus: Frau Thünnesen, Frau Vingelli, ich danke Ihnen für das Gespräch.

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